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Internetauftritt der Kirchengemeinde St. Markus, Regensburg - Konfirmationfahrt nach Siebenbürgen 2016Direkt zum Inhalt

Kirchengemeinde Sankt Markus

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Bericht von der Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen Ostern 2016

Von Andreas Kühner

Der einzige in unserer Truppe, der wirklich wusste, was uns erwartete, war Herr Schuster, waschechter Siebenbürger Sachse. Wir Restlichen hatten uns vielleicht ein bisschen "eingegoogelt", aber mehr als Viertelwissen war dabei sicher nicht herausgekommen. Kurz nach 19 Uhr am 22. März fuhr unser Bus in Regensburg vom Parkplatz der Killermannschule los. Die Konfirmanden machten sich bereit für ihre "Busparty", die Erwachsenen machten es sich so bequem wie möglich, um die Nacht zu Beginn der sechzehnstündigen Busfahrt einigermaßen zu überstehen. Ein paar Stunden und Kurzpausen später versuchten dann die meisten, ein bisschen Schlaf zu finden.

Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016

Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Bei Tagesanbruch sind wir bereits in Rumänien. Es regnet in Strömen, aber trotzdem sind wir natürlich neugierig und versuchen, durch die Fenster eine Ahnung von diesem Land zu bekommen. Entlang der Straße gelegentlich ein paar ärmliche oder heruntergekommene Häuser, ein riesiges aufgegebenes Industrieareal, nichts aufregendes. Dann irgendwann ein Ortsschild: Sibiu, Hermannstadt, in beiden Sprachen. Unser Reiseziel ist erreicht! Bald schon erreichen wir die Innenstadt, sehen Stadtmauerreste, mitten drin einen gewaltigen mittelalterlichen Rundbau, weitere historische Bauwerke und Häuser.


Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Es wird interessant! Der Bus kämpft sich durch enge Straßen in die Innenstadt vor, da sieht es schon recht manierlich aus, dann Stopp: Fußgängerzone, alles aussteigen, wir müssen ein Stück zu Fuß gehen. Wer leicht gepackt hat, ist im Vorteil. Schließlich die Ankunft am Hostel "Weltkultur", kurz "Welt Hostel". Gepäck die enge Treppe hinaufschleppen, Zimmerverteilung, ein bisschen hin und her, bis alle wissen, wohin, dann Koffer abstellen, frisch machen, Verschnaufpause. Die Erwachsenen und Tutoren besprechen die nächsten Schritte.


Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Gruppeneinteilung: Wir teilen uns für die meisten Unternehmungen der kommenden Tage in vier kleine Gruppen auf, um beweglicher zu sein. Ausgabe von rumänischen Lei – und gleich ein erster Ausflug in die Altstadt, jede Gruppe für sich, trotz Regen. Wir stellen fest: Das Hostel liegt direkt an der historischen Prachtstraße im Zentrum. Die Gebäude um uns herum sind schön restauriert, auf jeden Fall haben wir hier eine interessante Altstadt vor uns, sie ist ja UNESCO-Welterbe wie Regensburg. Nur ein paar hundert Meter im Nieselregen marschiert, schon sehen wir die Touristeninformation in einem repräsentativen Bau im spätbarocken Stil am "Großen Ring", dem Hauptplatz der Stadt. Einen Stadtplan gibt es vom Abreißblock. Wir orientieren uns: Wo sind wir, was gibt's zu sehen? Im Stadtplan sind einige Sehenswürdigkeiten schon markiert. Wir wandern von Punkt zu Punkt, entdecken Türme und Tore aus dem Mittelalter, schön hergerichtete und auch arg heruntergekommene Häuser, aber insgesamt eine komplett erhaltene Altstadt, in der offensichtlich kein Weltkrieg gewütet hat. Vieles sieht man in deutscher Sprache, aber auch aus den rumänischen Beschriftungen kann man sich relativ leicht einen Reim machen, schließlich ist es wie Französisch oder Italienisch eine romanische Sprache.


Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Die große Stadtpfarrkirche ist natürlich evangelisch, denn die Siebenbürgener Sachsen sind seit den 1540er Jahren lutherisch. Die alte Dame an der Kasse spricht deutsch, wir bekommen als Gruppe spottbillige Eintrittskarten und sehen uns in der Kirche um. Gotische Basilika aus dem 14. Jahrhundert, innen nur teilweise restauriert, aber immerhin. Nach einem Rundgang besteigen wir den Turm; wer sich die offene Stiege hinauf traut, wird mit einem wunderbaren Ausblick belohnt.


Die Gruppe wünscht sich eine Pause, und wir suchen uns ein Café, wo sich jeder nach Regen und Kälte an einem Heißgetränk labt. Fürs erste ist die Gruppe ermattet, also gehen wir zum Hostel zurück. Ich selbst wandere noch durch ein paar Seitenstraßen, kaufe Reise- und Sprachführer, mache Fotos, orientiere mich. Um 18 Uhr geht's gemeinsam zum Abendessen in einem Restaurant in der Unterstadt, das mit dem Hostel zusammenarbeitet. Ich finde das Essen passabel, manche der Kinder nörgeln, aber das kennt man ja.

Um 19 Uhr sind wir im Haus des "Demokratischen Forums", nämlich im schönen Spiegelsaal, verabredet mit einer rumänischen Jugendgruppe. Deren Leiterin, Franziska Fiedler, erzählt uns ein bisschen von der Jugendarbeit. Die Jugendlichen sprechen alle deutsch, auch die rumänischen Mitglieder der Gruppe. Sie führen einige Tänze vor, dann laden sie uns zu einem gemeinsamen Tanz ein, den wir rasch erlernen. Es macht allen Spaß, auch wenn die Schritte nicht gleich hundertprozentig klappen. Die anfängliche Scheu den Fremden gegenüber verschwindet rasch, die Stimmung ist gelöst. Später kehren wir zum Hostel zurück. Die Erwachsenen genehmigen sich noch in der zum Hostel gehörenden Kneipe ein recht wohlschmeckendes Bier aus lokaler Herstellung, dann geht es ins Bett. Die Jugendlichen feiern noch lang...
Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016


Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Am Morgen nach dem Frühstück gehen wir zum Brukenthal-Gymnasium unweit der Stadtkirche. Der deutschsprachige Rektor erwartet uns. Er erzählt uns vom Schulleben und beantwortet unsere Fragen. Im Gymnasium wird teils auf Deutsch, teils auf Rumänisch unterrichtet. Da es nicht mehr viele Siebenbürger Sachsen gibt, wird das Gymnasium heute überwiegend von jungen Rumänen besucht. Die deutschen Schulen haben einen besseren Ruf als die rumänischen, wird uns erklärt. Die nicht deutschsprachigen Schüler müssen eben rechtzeitig Deutsch lernen, um diese Schulen besuchen zu können. Leider werden Lehrer in Rumänien allgemein sehr schlecht bezahlt. Mich persönlich erinnert das Brukenthal-Gymnasium ein wenig an meine eigene Schulzeit vor 40 Jahren – man merkt, dass die finanzielle Ausstattung des Schulwesens hier dürftig ist, manches wirkt antiquiert. Man hat das Gefühl, dass die Lehrer hier einen Überlebenskampf kämpfen, nicht nur persönlich, sondern auch ideell. Immerhin gibt es im ausgebauten Dachgeschoss des barocken Gebäudes einen Computerraum mit einer ausreichenden Zahl an Computern. Wir treffen dort eine Klasse von Schülern und haben Gelegenheit, mit ihnen ein wenig zu reden. Auch hier muss erst einmal die Scheu überwunden werden, und manche stellen sich lieber mit dem Rücken zum Geschehen, als sich ins Gewühl zu stürzen.


Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Nach dem Schulbesuch dürfen die Gruppen wieder getrennt die Stadt erkunden. Wir besichtigen Teile der alten Stadtmauern mit wohl erhaltenen Wachtürmen, die im Mittelalter jeweils von einer bestimmten Zunft besetzt und in Stand gehalten wurden. Die Jugendlichen haben aber die Nacht wenig geschlafen, die Energie ist bald aufgebraucht, und meine Gruppe sehnt sich zum Hostel zurück. Dort fangen sie an Schach zu spielen bzw. einander beizubringen, was ihnen im Augenblick sichtlich mehr Spaß macht, als die regenverhangene Stadt zu durchkämmen.


Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Es ist Gründonnerstag, und um 18 Uhr gehen alle gemeinsam zur Andacht in die Johanniskirche. Natürlich wird der Gottesdienst auf Deutsch gehalten. Allmählich klingt der siebenbürgisch-sächsische Akzent schon vertrauter. Kleine Unterschiede fallen uns auf, etwa dass die Pfarrer der "Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses (A.B.) in Rumänien" wohl ein Talar, aber kein Beffchen tragen. Die Lieder im Gesangbuch sind traditionell, es sind vertraute Weisen.

Für Karfreitag sind Gruppenexkursionen vorgesehen. Meine Gruppe fährt gleich morgens nach Michelsberg, rumänisch Cisnadioara, um eine Kirchenburg zu besichtigen. Es hat nachts geschneit, die Landschaft ist wie verzuckert. Wir fahren mit zwei Taxis, die hier nicht teurer als die Linienbusse sind. Der Fahrer, ein Zigeuner (Zigeuner nennen sich hier selbst Zigeuner, nicht etwa Roma), kann einigermaßen Deutsch, und es entspinnt sich eine lustige Unterhaltung. Bald kommen wir in Michelsberg an und lassen uns an der Dorfkirche absetzen. Wir sollen hier eine Führerin treffen. Wir stehen etwas verlegen im Schnee, niemand ist da und wartet auf uns. Ich gehe ein paar Schritte die Straße hinunter, ein Mann kommt mir entgegen. Sprechen Sie Deutsch? Natürlich, sagt er, als ob es selbstverständlich wäre. Bevor ich umständlich erklärt habe, wer ich bin und was wir wollen, sagt er, ursprünglich hätte seine Frau uns treffen sollen, aber die sei im Februar verstorben. Die gotische Kirche im Dorf sei nicht das Ziel unserer Exkursion, sondern die alte Kirchenburg oben auf dem Berg. Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Er zeigt hinauf und führt uns ein paar hundert Meter zu einer Art Pforte am Fuß des steilen Hügels. Bald kommt eine Dame vorbei, die sich als die neue Betreuerin der Kirchenburg vorstellt. Wir steigen in Serpentinen den Berg hinauf. Oben die uralte romanische Klosterkirche, die älteste Kirchenburg Siebenbürgens, erbaut etwa 1180. Im Schnee und Kälte wirkt sie noch altertümlicher, die perfekte Szenerie für einen Mittelalterfilm, denke ich.


Wir lassen uns alles zeigen, machen ein paar Fotos, genießen die winterliche Aussicht, dann geht es wieder hinunter ins Dorf. Unser Exkursionsplan führt uns zu Fuß in die benachbarte Stadt Heltau (Cisnadie), etwa 3 km entfernt. Viele der Häuser stehen hier zum Verkauf, denn die meisten Siebenbürger Sachsen haben nach der Wende ihre Heimat Richtung Deutschland verlassen, aber an einem, besonders stattlichen Haus ist der Text des Siebenbürgenliedes aus dem 19.Jh. aufgemalt:
Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016      Siebenbürgen, grüne Wiege
     einer bunten Völkerschar!
     Mit dem Klima aller Zonen,
     mit dem Kranz von Nationen
     um des Vaterlands Altar!
     Siebenbürgen, süße Heimat
     unser teures Vaterland! usw.

Herr Kühner, wie lange müssen wir noch laufen? Gleich sind wir da, gleich sind wir da! Können wir was essen? Ja, natürlich, sobald wir dort sind. Nur Geduld! Vom Neubaugebiet am Stadtrand wandern wir weiter, links eine lutherische Kirche – ich klingle, um mich nach dem Weg zur Kirchenburg von Heltau zu erkundigen. Wir wollen dort nämlich an einem Jugendkreuzweg teilnehmen. Der rumänische Pastor ist sehr freundlich, zeigt uns den Weg und lässt mich auch schnell per Handy mit Pfarrer Kesdi sprechen, den wir treffen sollen. Wir gehen weiter, unterwegs setzen wir uns noch in eine Pizzeria und essen Pizza, die kein bisschen nach Pizza schmeckt.


Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Dann kommen wir in den historischen Ortskern von Heltau, auch hier alles recht schön renoviert oder gerade in Arbeit. Die Gehöfte stehen meist mit der Schmalseite zur Straße und haben eine Toreinfahrt wie fränkische Hofreiten. Im Ortskern der trutzige Bau der Wehrkirche mit mehreren Mauerringen. Wir haben noch etwas Zeit und wandern um die Kirche herum. Leider ist sie verschlossen. Kurz vor 14 Uhr kommen Jugendliche und Kinder zum Kirchhof, dann auch der Pfarrer im Talar. Wir stellen uns vor, dann versammeln sich alle im Kirchgarten. Von dort sollen wir in stiller Prozession zur Friedhofskapelle gehen. Mit der Stille will es nicht so recht klappen, aber da sind die einheimischen Kinder keine Ausnahme. In der Kapelle tragen sie nacheinander ihre Texte zu den Kreuzwegstationen vor – sie sprechen leider leise, schnell und mit starkem Akzent, so dass wir kaum folgen können. Zum Schluss gibt es ein symbolisches gemeinsames Mahl mit Brot und Saft. Leider hat der Pfarrer gleich anschließend eine Besprechung für den Ostergottesdienst, und wir müssen pünktlich nach Herrmannstadt zurück, so dass es zu keiner echten, persönlichen Begegnung mit den Kindern und dem Pfarrer mehr kommt. Nur ein Bub von vielleicht 12 Jahren spricht mich auf Hochdeutsch an, er sucht offensichtlich Kontakt – er ist aus Norddeutschland, seine Eltern betreuen hier ein Sozialprojekt, und er freut sich, mal jemand aus der Heimat zu sprechen, er werde hier gemobbt, sagt er. Inzwischen ist die Sonne hervorgekommen, und Heltau wirkt schon viel freundlicher. Leider konnten wir nicht in die Kirche selbst hinein.


Wieder per Taxi nach Hermannstadt. Die anderen Gruppen haben sich teils in der Stadt, teils in Neppendorf aufgehalten, wo sich im 18. Jh. österreichische Protestanten angesiedelt hatten. Nach einer Pause fahren alle mit Taxis zu einem Jugendtreffen in einer Kirchenburg bzw. in deren ehemaliger Schule am Rand von Hermannstadt. Der Jugendbetreuer dort – er stammt aus Ostdeutschland ? hat ein Karfreitagsprogramm mit Texten nach dem Passionsevangelium und Gruppenspielen vorbereitet.

Durch die Spiele lockert sich die anfangs reservierte Atmosphäre auf. Zum Abschluss des Abends gibt es Pizza, und jetzt kommen auch Gespräche zustande. Viele der einheimischen Jugendlichen sind Rumänen, können aber recht gut Deutsch, weil sie eine der deutschen Schulen besuchen.
Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016


Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Am Karsamstag fährt die Gruppe von Herrn Schuster nach dessen Heimatstadt Schäßburg, und ich schließe mich ihm mit meiner Gruppe an, weil in dem gecharterten Bus genug Platz ist. Die Fahrt dauert etwa anderthalb Stunden, das Wetter ist sonnig, aber kalt. Unterwegs sehen wir am Straßenrand Männer in einer Tracht, die an die deutscher Zimmermannsgesellen erinnert. Sie bieten kupferne Destilliergeräte für die Schnappsherstellung an. Es sind Zigeuner, die sich auf dieses Handwerk spezialisiert haben und damit offenbar gut verdienen. Wir fahren an im Bau befindlichen riesigen Wohnhäusern vorbei. Uns wird erklärt, dass dies Repräsentationsbauten der Zigeuner seien, die nicht gebaut würden, um bewohnt zu werden, sondern um als ewige Baustellen den Wohlstand dieser Bevölkerungsgruppe zur Schau zu stellen. Wenn sie fertig gestellt und bewohnt würden, müssten die Eigentümer dafür Steuern bezahlen, und das wollen sie nicht.


Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Unterwegs machen wir Station in Birthälm, rumänisch Biertan. Wieder die typischen Gehöfte mit den "fränkischen" Toren. Ab und zu fährt ein Pferdefuhrwerk die Straße entlang. Man merkt, dass es hier viel Armut gibt, aber die Gebäude sehen größtenteils renoviert und schön aus, und überall wird gewerkelt, stehen Gerüste. In der Ortsmitte, auf einer Anhöhe, erhebt sich prachtvoll die Kirchenburg. Eigens für uns ist eine Führung vereinbart worden, denn eigentlich hat die Saison noch nicht begonnen. Wir steigen hinauf, durch mehrere Mauerringe bis zum Kirch- und Burghof. Die gesamte Anlage ist erhalten, man sieht, dass noch renoviert wird. Birthälm und viele andere Orte im Umkreis werden von einer privaten Stiftung betreut, die von Prinz Charles mitgegründet wurde und die Erhaltung der historischen Schätze der Region zum Ziel hat. In der Tat wird hier wie andernorts sichtlich viel zur Instandhaltung der Bauwerke getan. Die Kirche selbst ist gotisch und im Inneren bereits restauriert. Die Tür zur Sakristei ist für ihr Schloss mit raffinierter Mechanik und vielen Riegeln berühmt, hier hat man früher, zur Zeit der Türkenüberfälle, die Wertgegenstände aufbewahrt.


Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Im Burghof befindet sich ein Häuschen, in das man früher zerstrittene Ehepaare zwei Wochen lang eingesperrt hat, bis sie sich wieder vertragen haben. Siebenbürgen war ein Land, das ständig von fremden Mächten bedroht wurde, und eine Gemeinde konnte sich den Luxus von Familienstreitigkeiten nicht leisten; man musste zusammenhalten, um jeden Preis. Mich beeindruckt die unglaubliche Ruhe dieses Ortes, die Abwesenheit jeglichen Verkehrslärms – das einzige, was man hört, ist das gelegentliche Krähen eines Hahns oder das Bellen eines Hundes. Wenn man von der Kirchenburg hinunter in das alte Dorf schaut, sieht man kaum Aktivität, nur hier und da kräuselt Rauch aus einem Schornstein. Man fühlt sich um Jahrhunderte zurückversetzt. Fast nichts an dieser bezaubernden Szene erinnert an das 21. Jahrhundert. Ich kneife die Augen zusammen und stelle mir vor, wie diese idyllische Ruhe plötzlich durch Reiterhorden unterbrochen wird, wie Menschen schreiend zur Kirchenburg rennen, um Schutz zu suchen, die Häuser ausgeplündert werden und in Flammen aufgehen. So ist es wohl viele, viele Male geschehen. Kein Wunder, dass die Häuser niedrig und einfach gebaut sind – immer musste man damit rechnen, dass sie beim nächsten Überfall wieder bis auf die Grundmauern niederbrannten.


Wir setzen die Fahrt fort. Schäßburg ist eine wunderschöne mittelalterliche Stadt, die sich größtenteil an den Hängen eines Berges hinaufzieht. Eine komplett erhaltene Stadtmauer mit mächtigen Wachtürmen umgibt die Altstadt. Wir essen zu Mittag, dann schreiten wir durch das Tor unterhalb des riesigen Stundenturms ? und uns erwartet ein einheimischer Stadtführer, ein Bekannter von Herrn Schuster, der in dieser Stadt seinerzeit die Schule besucht hat. Unser Führer erweist sich als ein hervorragender Unterhalter und ein pädagogisches Genie. Er versteht es, die Kinder mit seinen Geschichten in seinen Bann zu ziehen. Wir wandern durch die Straßen, sehen das angebliche Geburtshaus Draculas, dann geht es in die große gotische Stadtkirche. Es stellt sich heraus, dass unser Führer der lokale Kirchenmusiker ist. Er setzt sich an die Orgel, ein pneumatisches Ungetüm aus dem 19. Jahrhundert, spielt etwas, lässt einen von uns etwas spielen, dann studiert er mit uns einen Osterkanon ein, den wir mehrmals singen, während durch die löcherigen Kirchenfenster der kalte Wind pfeift. Dann geht die Stadtführung weiter. In einem der mittelalterlichen Türme besuchen wir einen alten Mann, einen Zigeuner, wie unser Führer betont, der hier allerlei Lederwaren herstellt und offenbar eine Art Stadtoriginal ist. Schließlich führt uns unser Weg in die Bergkirche oben auf dem Gipfel. Wir bewundern die schönen Fresken und steigen in die Gruft hinab, wo man im Mittelalter die Pfarrer bestattet hat. Dann singen wir noch einmal unseren Osterkanon. Unter der Westempore zeigt uns unser Führer eine alte Grabplatte, ein Epitaph. Wir versuchen, die Inschrift zu entziffern:

Umschrift: HODIE MIHI CRA[S] TIBI (heute mir, morgen dir)
O HER IESUS DIR LEB ICH DIR STERB ICH
HER[R] LEHR UNS BEDENKEN DAS MIR STERBEN MÜSSEN
Text im Innenfeld:
HER GERG BRET
[Darunter das Wappen der Kürschner]
1602
JOHANNES BRET
EIN WEISER HER SAMPT SEINE SON ALHIE IHR RUEKEMERLEIN HOT. CHRISTLICH DER VATER REGIRT
HAT DIE TEWRSTE AMPTER UNSER STAT. STIRBET DRIN DA ER WAR FAST ALT. NACH KURZER ZEIT FOLGET IM BALD DURCH EIN GEZWUNGNEN TODT SEIN SON. HARREN BEID DES GROSSEN TAG SCHON.
HEIT ROT MORGEN TOT
[Ein weiser Herr samt seinem Sohn allhier sein Ruhekämmerlein hat. Christlich regierte der Vater, hatte die teuersten (= höchsten) Ämter unserer Stadt inne und stirbt darin, bevor er alt wurde. Nach kurzer Zeit folgte ihm bald durch einen gewaltsamen Tod sein Sohn. Harren beide schon des großen Tages (des jüngsten Gerichts). ? Heute rot (=lebendig), morgen tot.].

Jetzt erteilt unser Führer den Jugendlichen einen Auftrag: Jeder soll sich eine Geschichte ausdenken, die zu diesem Epitaph passt, und sie ihm zuschicken. Ich bin gespannt, wie viele aus der Gruppe sich darauf einlassen!

Allmählich wird es Abend, und wir wandern gemächlich zum Treffpunkt im Tal zurück, wo wir von unserem Bus abgeholt werden. Unterdessen haben sich die beiden anderen Gruppen in Hermannstadt einen ruhigen Tag mit Spielen, Gesprächen und kleineren Ausflügen gemacht.


Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016

Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Für den Ostergottesdienst am Sonntag teilen wir uns wieder in Gruppen auf, die nach Neppendorf, Schäßburg bzw. Malmkrog fahren. Ich habe die Malmkrog-Gruppe. Mit dem Kleinbus fahren wir in der Frühe in dieses Dorf, wiederum ein historisches Kleinod, abgelegen in einem Tal mit der charakteristischen Kirchenburg auf einem Berg. Es ist bitter kalt. In der Kirche bullern zwei Kanonenöfen, die vom Küster fleißig mit Holz gefüttert werden, während er uns ein paar Einzelheiten über das Dorf erzählt. Die Wehrkirche ist innen schön, außen trutzig. Wie wir erfahren, hatte auch sie früher oberhalb des Kirchenschiffs ein zusätzliches Wehrgeschoss mit Schießscharten, eine Eigenheit der meisten siebenbürgischen Kirchenburgen. In diesem Fall ist dieses Wehrgeschoss später zurückgebaut worden. Erhalten geblieben sind jedoch die sehr schönen spätgotischen Fresken in den Deckengewölben und an einigen Wänden. Im Chor steht ein wertvoller gotischer Flügelaltar, und auch eine Orgel mit historischem Gehäuse ist vorhanden und in gutem Zustand.


Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Allmählich füllt sich der Kirchenraum, und außer uns sind auch einige andere Besucher aus Deutschland zugegen, aber auch Einheimische. Zwei junge Burschen ? sie wurden gerade am vergangenen Sonntag, dem Palmsonntag, konfirmiert, sagen sie ? tragen Kirchenmäntel, das sind aus nach innen gewendeten Schaffellen genähte, mit Stickereien verzierte Mäntel, die man früher im Winter zur Kirche trug. Heute werden sie nur noch ausnahmsweise zu besonderen Feiertagen getragen und sind eigentlich Museumsstücke.

Der Pfarrer stammt aus der Nähe von Erfurt. Vor etwa 25 Jahren hatte er hier ein Jahr verbracht und hier seine Berufung gefunden. So ist er geblieben, und seine Frau unterstützt ihn kraftvoll in der Gemeindearbeit und der Kirchenmusik. Das ist ein Glück für Malmkrog, denn viele Orte, die früher hauptsächlich von lutherischen Siebenbürger Sachsen bewohnt waren, sind heute ohne Pfarrer und nahezu ohne evangelische Gemeinde. Malmkrog dagegen hat noch etwa 170 Gläubige. Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Nach einem schönen Ostergottesdienst mit viel Musik, die der tapfere Kirchenchor vorgetragen hat, besteigen wir noch den hohen Wehrturm der Kirche. Von Stockwerk zu Stockwerk führen primitive Leitern. Der Ausblick von oben ist großartig. Eine verwunschene Welt, ein Stück Vergangenheit, eine Landschaft, die von der Zeit vergessen wurde. Eine fast untergegangene Kultur, die wie ein Schneebrett in der Luft hängt und, so meint man, jeden Augenblick zu Staub zerfallen kann.


Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Der Bus mit der Schäßburger Gruppe kommt uns abholen. Die Kinder berichten, eine Frau aus dem Dorf habe uns eingeladen, vorbeizukommen, sie habe eine Brotzeit zum Mitnehmen für uns hergerichtet. Wir fahren bei der Dame vorbei. Sie hat Kuchen und Brot für uns gebacken, gute alte Hausmannskost. Der Brotlaib ist riesig und kugelförmig. Es ist ein sehr schmackhaftes, halbdunkles Brot. Wir danken und nehmen alles mit. Es ist gerade erst Mittag, und wir beschließen, uns mit der Heimfahrt Zeit zu lassen, da der Bus für den ganzen Tag gemietet ist. Wir fahren zunächst nach Mediasch, einer der historisch bedeutenden Städte Siebenbürgens. Ihr Name ist nicht etwa ungarischen, sondern lateinischen Ursprungs (per medias vias, am Kreuzweg). Von weitem sichtbar der Kirchturm mit den vier kleinen Türmchen an den Ecken, das Zeichen, dass diese Stadt die Blutgerichtsbarkeit hatte ? genau wie Herrmannstadt, Heltau und andere. Auch hier eine vorbildlich restaurierte historische Altstadt. Man sieht kaum Menschen auf der Straße. Nach einem kleinen Erkundungsgang essen wir in einem Restaurant zu Mittag. Die Preise sind sehr günstig, die Kost wie andernorts auch eher langweilig. Als wir fertig sind und zahlen wollen, fällt der Strom aus, die Kasse funktioniert nicht, und wir müssen von Hand abrechnen, untereinander Wechselgeld eintauschen, vorstrecken usw. Während sich dann die Jugendlichen ausruhen, gehen die Erwachsenen hinüber zur Kirchenburg, die hier mitten im Ort steht, auch hier mit zahlreichen Türmen und dicken Wehrmauern umgürtet. Immer wieder Schilder und Hinweistafeln, die in deutscher und rumänischer Sprache auf historische Orte oder kirchliche Einrichtungen hinweisen.


Unsere Schützlinge sind müde, aber wir haben noch Zeit und bitten den Busfahrer, einen kleinen Umweg zu machen, um noch kurz Meschen einen Besuch abzustatten. Die Meschener Kirchenburg – unsere Konfirmanden bleiben lieber im Bus sitzen, sie haben jetzt genug von Kirchenburgen ? wird von einer lebhaften Dame betreut, die uns gleich auch auf das neu als Gästehaus hergerichtete historische Pfarrhaus hinweist. Pro Nacht und Nase zehn Euro, sagt sie, mit Vollverpflegung zwanzig. Ich plane schon meinen nächsten Urlaub...

Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Auch hier ist das Innere der Kirche bereits restauriert, der Rest der eindrucksvollen Burganlage sieht aus wie auf einem Bild von Carl Spitzweg ? alles vom Zahn der Zeit angenagt, aber man sieht, dass ab und zu daran gearbeitet wird. Auch hier massive Wehrtürme und Mauern, der Kirchenbau selbst mit Wehrgeschoss und Schießscharten. Um die wartenden Jugendlichen nicht zu enervieren, verzichten wir auf das Heimatmuseum und die Turmbesteigung und fahren mit dem Bus weiter. Unsere letzte Station ist Almen (Alma Vii), wo wir nochmals kurz aussteigen und zur Kirchenburg hinauf- und um sie herumgehen, sie ist wegen Renovierung geschlossen. Auf einem der Wehrtürme ganz fotogen ein Storchennest, wie sich überhaupt Störche in Siebenbürgen anscheinend sehr wohl fühlen.


Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Jetzt aber heim nach Hermannstadt! In der noch vorfrühlinghaften Landschaft immer wieder Schafherden mit ihren Hirten. Die Romanen, wie man sie früher nannte, stammten von einem Hirtenvolk ab. Schafzucht spielt hier bis heute eine große Rolle. Vom Bus aus grüßen wir in der Ferne die Wehrkirche von Magarei, die vor einigen Jahren von Berliner Architekturstudenten gerettet wurde ? sie haben ihr ein neues Dach verpasst, als sie einzustürzen drohte. Das Dorf Magarei hat keine evangelische Gemeinde mehr, die Kirche ist verwaist. In zwei der historischen Kirchen dieser Region, erfahren wir, sind im vergangenen Winter die Türme eingestürzt ? zu lange schon kümmert sich niemand mehr darum, denn die Rumänen sind orthodox und bauen sich ihre eigenen Kirchen.


Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Leider ist aus der ursprünglich geplanten Gegeneinladung an die Hermannstädter Jugendgruppe am Ostersonntagabend nichts geworden, es besteht kein Interesse. So essen wir das ins Hostel gebrachte Büffet unter uns. Immerhin gibt es unter anderem Lamm, aber die meisten unserer Konfirmanden bevorzugen die Pizza.
Am Ostermontag fährt die gesamte Mannschaft per Bus zum Draculaschloss Corvinesti nach Hunedoara westlich von Hermannstadt. Besonders eindrucksvoll ist das Karpatenpanorama mit den schneebedeckten Hängen und Gipfeln. Die Jugendlichen, die sich während der gesamten Reise bisher wohl kaum mehr als vier Stunden Schlaf pro Nacht gegönnt haben, sind nur noch halb bei der Sache. So verläuft der Draculatag eher schläfrig-ruhig.


Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016 Da die Abreise am Dienstag erst nachmittags geplant ist, gibt es noch jede Menge Zeit, durch Hermannstadt zu streifen, Reiseverpflegung und ein paar Geschenke zu kaufen, das fabelhafte Erasmus-Büchercafé mit seiner erlesenen Bücherauswahl zu Siebenbürgen zu besuchen und den Stadtturm zu besteigen, um sich alles noch einmal von oben anzusehen, zumal das Wetter jetzt deutlich besser ist als zu Beginn des Aufenthalts. Ganz nahe das bunte Dach der Stadtpfarrkirche, und in der Ferne imposant die Karpaten. Kein Zweifel, Hermannstadt ist eine schöne Stadt und spielt nicht nur im Hinblick auf die Größe ? mit etwa 140.000 Einwohnern ?, sondern auch architektonisch und historisch in der gleichen Liga wie Regensburg. Es hat sogar eine Universität – und einen kleinen Flughafen mit Direktanbindung an München.


Zugleich wirkt diese Stadt und die ganze Region Siebenbürgen mit ihrer nur noch hauchdünnen deutschen Restbevölkerung eigenartig entrückt - deutsch und lutherisch und doch ganz anders. Eine bezaubernde Entdeckung, ein Mysterium, ein kulturhistorischer Schatz am Rande des Abgrunds, weitgehend verlassen von den Menschen, die all das geschaffen haben. Ich kehre zurück aus Siebenbürgen voller Dankbarkeit für diesen Besuch und in der bangen Hoffnung, das all das irgendwie der Nachwelt erhalten bleiben möge - und mir eines Tages ein erneuter Besuch möglich sein wird. Es gibt noch viel zu entdecken.


Konfirmandenfahrt nach Siebenbürgen 2016